2037/2038 – Vierhundert Jahre Dieterich Buxtehude?

 

Gedanken zu einem Problem der Buxtehude-Forschung.

 

 

Ist uns Buxtehude nicht durch dieses Gedenkjahr noch vertrauter geworden, noch nŠher gerŸckt als es schon seit dem vorigen Gedenkjahr des 350. Geburtstages, 1987, schien? Weltweit gab es in diesem Jahr [2007] zahlreiche Konzertreihen und eine gro§e Zahl von Konzerten, in denen vor allem seine Werke fŸr Tasteninstrumente auf der Orgel gespielt wurden. Vielerorts erklangen seine vielfŠltig geistliche Vokalmusik und die wenigen, aber exquisiten Kammermusikwerke, hier und da sicher sogar zum ersten Mal. Mehrere Gesamtaufnahmen seiner Werke fŸr Tasteninstrumente sind erstmals erschienen oder neu aufgelegt worden (deren Beihefte nicht immer den neuesten Stand der veršffentlichten Informationen zu einzelnen Aspekten widerspiegeln!).

Buxtehudes Schaffen wurde auf Konferenzen wissenschaftlich aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet und zahlreiche Artikel in Fachzeitschriften behandelten eine FŸlle von Fragestellungen und Details.

Die zugŠngliche Literatur Ÿber ihn und seine Werke ist in den zwei Jahrzehnten seit dem vorigen JubilŠum durch substantielle BeitrŠge wesentlich bereichert worden. Neben einer Reihe wichtiger Studien zu einzelnen Aspekten ragt vor allem Kerala J. Snyders Monographie heraus, die erstmals 1987 erschien und nun, 2007, in revidierter und erweiterter Fassung sowohl auf Englisch als auch in der deutschen †bersetzung erschienen ist.[1]

 

Im Gegensatz zu den meisten anderen Forschern behandelt Snyder auch die frŸhen Jahre Buxtehudes, Ÿber die so wenig bekannt ist und die auch im Zentrum dieses Artikels stehen. †ber Buxtehudes Leben und seine Person wissen wir verschwindend wenig. Die spŠrlichen chronologischen Daten passen in Snyders Monographie auf nicht ganz zwei Buchseiten; von Buxtehudes Hand sind neben musikalischen Autographen nur 18 SchriftstŸcke erhalten [von den hunderten Seiten jedoch unpersšnlichen, buchhalterischen Schrifttums abgesehen, die sich in den von ihm gefŸhrten RechnungsbŸchern der Marienkirche finden]; und zeitgenšssische, persšnliche Berichte Ÿber ihn gibt es nicht! Mutma§ungen Ÿber seine Person und das meiste in seinem Leben kšnnen sich oft nur auf Interpretation von Kleinigkeiten stŸtzen. Von den wenigen harten Fakten und weiteren Belegen ausgehend, ist es wie in jeder Geschichtsforschung zwangslŠufig, dass wir mit unterschiedlichen Graden von Wahrscheinlichkeit, mit PlausibilitŠt arbeiten mŸssen, und nicht immer gelingt es, einen Sachverhalt befriedigend einzugrenzen.

Zeigen lŠsst sich dies symptomatisch an den Versuchen, das Geburtsjahr und den Geburtsorts Buxtehudes zu bestimmen. Es ist eher der Normalfall, dass uns bei vielen historischen Persšnlichkeiten wesentliche Daten fehlen: Geburtsdaten, Hinweise auf EinflŸsse in der Jugend und auf die Ausbildung. Manches kann durch Indizien erschlossen werden, aber dies unterliegt in vielen FŠllen dem Zufall der †berlieferung. DarŸber hinaus kšnnen mehr oder minder begrŸndbare Vermutungen oder Spekulationen angestellt werden, die jedoch durch neue Evidenz oder stichhaltigere BegrŸndungen an †berzeugungskraft verlieren kšnnen oder diese Kraft ganz einbŸ§en.

 

Was wissen wir Ÿberhaupt Ÿber den Zeitpunkt oder Zeitraum der Geburt Buxtehudes? In einem gedruckten Nachruf, erschienen in LŸbeck noch im Todesjahr 1707, wird berichtet, dass Buxtehude im Alter von ungefŠhr 70 Jahren gestorben war – Tauf- oder Geburtsdaten waren dem Verfasser nicht bekannt und sind auch bis heute nicht zu ermitteln. Es ist dies die einzige Quelle fŸr unsere Vermutungen Ÿber das Geburtsjahr.

Diese Information war den Verfassern musikalischer Kurzbiographien aus der ersten HŠlfte des 18. Jahrhunderts wie Johann Gottfried Walther (Musikalisches Lexikon, 1732 Reprint: Kassel 51993) oder Johann Mattheson (Grundlage einer Ehren-Pforte. Hamburg 1740. Reprint: Graz, 1994) offenbar entweder unbekannt oder erschien ihnen unwichtig. In ihren Publikationen tritt Buxtehude kaum in Erscheinung, obwohl beide Ÿber Aspekte Buxtehudes Leben und Schaffen Kenntnis hatten oder haben konnten.[2] Mattheson hatte den alten Buxtehude nach eigener Aussage bei seinem Besuch im August 1703 in LŸbeck kennen gelernt.

In einer gedruckten Schrift, erschienen in Kopenhagen 1744, findet sich unter Berufung auf jenen Nachruf die scheinbar prŠzise Jahresangabe 1637 und das Alter 70. Es fehlt aber der Hinweis auf die mangelnde Genauigkeit der ursprŸnglichen Information.

Heute zŠhlen wir in der Regel die Wiederkehr des Geburtstags, was zu Buxtehudes Zeit wohl kaum Ÿblich war. Man wird die einzige Quellenangabe vielmehr auf das Lebensjahr beziehen, und die Angabe 70 fŸhrt zu einem Zeitraum zwischen Mai 1637 und Mai 1638. Die einzige Quelle lŠsst daher zunŠchst genau genommen nur die Angabe zu, dass Buxtehude 1637 oder 1638 geboren sein muss, ohne dass einem der beiden Jahre eine PrŠferenz gegeben werden kann.

Nimmt man aber die Aussage ãungefŠhrÒ in dem Nachruf ernst und setzt z. B. eine Abweichung an von nur einem Jahr (plus/minus), hŠtte Buxtehude bei seinem Tod das 69. oder 71. Lebensjahr erreicht. Diese ungefŠhre Angabe fŸhrt uns auf einen Zeitraum vom Mitte 1636 bis Mitte 1639, und es ergibt sich daher schon eine Spanne von anderthalb Jahre um Ende 1637 herum, ohne dass wir Ÿber die Wahrscheinlichkeit irgendeine Aussage treffen kšnnten. Die †berlegung hat Ÿbrigens noch einen vielleicht erfreulichen, schšnen Nebeneffekt: Falls keine neuen Dokumente mit genauerer Information auftauchen, kšnnte man das nŠchste JubilŠum ãum 2037Ò begehen, und nach GutdŸnken etwa auch 2036 und vor allem 2038 hinzunehmen. Dieses Spiel kann natŸrlich nicht beliebig ausgedehnt werden; weiter unten wird gezeigt, dass eine Obergrenze 1640 oder 1641 kaum Ÿberschritten werden kann.

 

Ein weiteres Problem aber stellt sich, wenn man die zugrunde liegende Quelle weiter auf GlaubwŸrdigkeit, PlausibilitŠt und FehleranfŠlligkeit prŸft. Man sollte zwar glauben, dass sich ein Informant aus LŸbeck bzw. der in LŸbeck publiziert, die nštige Information beschaffen hŠtte kšnnen, wenn er es gewollt hŠtte. Das setzt aber zum einen voraus, dass die Information bekannt war (z. B. durch Familienmitglieder Buxtehudes) oder anderweitig greifbar war (z. B. in schriftlichen Dokumenten). Schriftliche Dokumentation ist eher nicht zu erwarten: Geburts- oder vielmehr Taufdaten wurden nicht vielfach und zu Identifikationszwecken registriert, wie es unsere heutigen EinwohnermeldeŠmter oder andere Behšrden und Institutionen tun, sondern wurden in der Regel einmal zu Beginn des Lebens in einem Taufbuch am Geburts- bzw. Taufort festgehalten. Und ob private schriftliche Dokumente solche Information enthalten hŠtten (warum auch?) und Ÿberhaupt unserem Informanten zugŠnglich gemacht worden wŠren, muss sehr bezweifelt werden. Zum anderen setzt es voraus, dass die Information unserem Informanten und seinen Mitmenschen wichtig erschienen wŠre – aber sicher ist nicht einmal das.

Viele Fehlerquellen sind jedoch bei dem Nachruf denkbar: Der Verfasser der Information kann sich geirrt haben, ein Typensetzer in der Druckerei kann sich versehen haben, usw. Wie grotesk auch ein verhŠltnismŠ§ig Nahestehender sich verschŠtzen kann, zeigt das Beispiel Jan Adams Reinckens (wohl 1643–1722), bei dessen Geburtsjahr sich Mattheson immerhin um 20 Jahre vertan zu haben scheint (er legte es auf 1623), wie die biographische Forschung Ulf Grapenthins Ÿber Reincken nahe legt.[3] Immerhin hatte der Hamburger Mattheson den fast 40 Jahre Šlteren Hamburger Organisten Reincken mehrere Jahrzehnte gekannt. Die Matthesonsche Angabe Ÿber den angeblich uralten Reincken, spŠter immer wieder abgeschrieben, bildete fŸr mehr als 250 Jahre eine Grundlage der Reincken-Biographik. Eine Šhnlich gro§e FehlschŠtzung ist im Fall Buxtehude wohl sehr wenig wahrscheinlich, aber das Geburtsjahr lŠsst sich offenbar nicht genau bestimmen. Allen Daten und Mšglichkeiten gerecht wird wohl nur die vage Aussage, Buxtehude sei vor 1641 geboren!

 

Geburtsort

Mit dem Geburtsdatum verknŸpft ist die Frage nach dem Geburtsort Buxtehudes. Hier gibt es zunŠchst bessere Anhaltspunkte, da der Aufenthalt des Vaters bzw. der Familie zu gewissen Zeitpunkten bekannt ist. Im Idealfall wŠren am potentiellen Geburtsort die TaufbŸcher der Kirche erhalten, in der Buxtehude getauft worden. Dies ist nach allen bisherigen Forschungen leider nicht der Fall. In allen FŠllen fehlen Akten, die die Geburt oder Taufe Dieterich Buxtehudes belegen oder Unterlagen, welche wenigstens die Anwesenheit der Familie gerade in den Jahren 1637 oder 1638 bezeugen kšnnten.

Drei Orte spielten in der Forschung als Geburtsort eine Rolle: Oldesloe (zwischen Hamburg und LŸbeck), Helsing¿r (DŠnemark) und Helsingborg (heute Schweden, damals DŠnemark).

Buxtehude soll nach dem Nekrolog DŠnemark als ãpatriaÒ, als Vater- oder Heimatland bezeichnet haben (das holsteinische Oldesloe rechnete damals aufgrund der HerrschaftsverhŠltnisse des FŸrstentums Holstein zu DŠnemark [ob sich Holsteiner bzw. Oldesloer als DŠnen bezeichnet hŠtten, erschient indes fraglich]). Es herrscht daher keine Sicherheit, aber die Forschung neigt heute dazu, Helsing¿r als am wenigsten wahrscheinlich anzusehen, gefolgt von Oldesloe – auch wenn der Vater, Johannes Buxtehude laut einer Inschrift [1641, auf der ehemaligen Orgel der von ihm damals gespielten Orgel in Helsing¿r – heute z. T. erhalten in Torrlšsa, Schweden] ursprŸnglich aus Oldesloe gekommen war. Helsingborg gilt dagegen derzeit als wahrscheinlichste Alternative, da der Vater hier 1641 als Organist nachzuweisen ist.

Aber bedeutet dies auch, dass er bzw. die Familie sich 1637 oder 1638 in Helsingborg aufhielten? Kerala J. Snyder legt dar, dass ein VorgŠnger Johannes Buxtehudes 1633 von Helsingborg nach Kopenhagen umzog, so dass anzunehmen ist, dass J. Buxtehude frŸhestens 1633 hier die Helsingborger Stelle erhalten haben kann. Favorisiert man Helsingborg als Geburtsort Dieterich Buxtehudes mag man das Jahr 1633 als eine gewisse Untergrenze fŸr das Geburtsdatum sehen. Da Ÿber den Aufenthalt Johannes Buxtehude vor 1641, als er in Helsingborg wirkte, bzw. den Aufenthalt der Familie nichts bekannt ist, bleibt aber auch die Alternative Helsingborg als Geburtsort im Nebel der Geschichte. Die Familie kšnnte schlie§lich genauso auch erst kurz vor 1641 nach Helsingborg gekommen sein, und zwar wohl aus einem Ort in DŠnemark oder z. B. Norddeutschland.

Ist es wichtig, wo Buxtehude geboren wurde? Wenigstens die Nation spielte in der ersten HŠlfte des 20. Jahrhunderts eine Rolle. Die leidige alte Frage, ob Buxtehude nun Deutscher oder DŠne war, hat damals eine Reihe von Forschern in Deutschland und DŠnemark beschŠftigt und je nach Einstellung versuchte man hier und da schon die Fakten so darzustellen, dass sie der eigenen, mehr oder weniger nationalistisch geprŠgten Position entsprachen. Relevant war die Frage eigentlich zu keinem Zeitpunkt, denn man konnte ohnehin wissen, dass Buxtehude einer deutschen Familie entstammte, die lange Zeit in DŠnemark lebte und in der man ausweislich der Quellen auch DŠnisch sprach. Als Kind und junger Erwachsener pendelte Buxtehude zwischen Helsingborg und Helsing¿r und verbrachte dann 40 Jahre seines Lebens in der Hansestadt LŸbeck. Er gehšrt daher heute keiner bestimmten Nation, sondern allen als nordeuropŠischer Komponist.

 

Die erste Ausbildung bei seinem Vater, Johannes Buxtehude, der ein geachteter Organist war, dŸrfen wir wohl voraussetzen. Aber weder sind wir darŸber unterrichtet, noch Ÿber die Folgezeit bis zu Dieterich Buxtehudes erster ErwŠhnung als Organist in Helsingborg. Dies war 1658, aber es scheint, dass er bereits 1657, und zwar wohl das ganze Jahr in der Stadt anwesend war, wie eine rŸckwirkende Pachtzahlung 1658 vermuten lŠsst. KirchenrechnungsbŸcher fŸr die Zeit vor dem 1. April 1657 fehlen, und wenn in anderen Helsingborger Dokumenten vom Organisten die Rede ist, wird kein Name genannt.

Hier kommen nun die obigen †berlegungen zum Geburtsdatum wieder ins Spiel. Die ErwŠhnung Dieterich Buxtehudes 1658 als Organist setzt einerseits in etwa die obere Grenze 1640 fŸr die ErwŠgung des Geburtsdatums.

 Buxtehude wird nicht als neuer Organist genannt und es liegt daher im Bereich der Mšglichkeiten, dass er diese Position bereits seit einiger Zeit innehatte, vielleicht seit 1656 oder gar 1655. Sollte er seine abschlie§ende Ausbildung im Alter von ca. 16–20 Jahren erhalten haben, kann diese Ausbildung irgendwann in den Jahren 1652 bis etwa 1655/56 erfolgt sein.

Andere Mšglichkeiten sind auch hier denkbar: War Buxtehude vielleicht ein Hochbegabter, dem die Ausbildung besonders leicht fiel? Dann liegt eine frŸhere Ausbildung im Bereich des Mšglichen. Man vergleiche mit Reincken, der Ende 1654 bis Anfang 1657 in Hamburg bei Scheidemann studierte, und noch im gleichen Jahr 1657 seine erste Organistenstelle bekam. Nehmen wir fŸr Buxtehude eine Šhnlich frŸhe Ausbildung an, wŠre das Einsetzen einer vergleichbaren Ausbildung schon ab den spŠten 1640er Jahren denkbar.

 

†ber die Ausbildung Dieterich Buxtehudes gibt es keine Hinweise. Heutige Vermutungen Ÿber eine Ausbildung bei einem bestimmten Komponisten, die aufgrund weniger musikalischer, stilistischer €hnlichkeiten getroffen werden, gehšren bis zu einem handfesten Nachweis in das Reich der Spekulation: Soweit Buxtehude StŸcke solcher Komponisten wŠhrend seiner Ausbildung Ÿberhaupt greifbar waren, kann er sie bei einem anderen Lehrer genauso studiert haben wie autodidaktisch. Ein offenbar hochbegabter junger Musiker musste vielleicht nicht bei einem bestimmten Lehrer studiert haben. Stilmerkmale anderer einflussreicher und bekannter Meister kšnnen sich auch dann und erst spŠter in seinen Werken niedergeschlagen haben, wenn er nicht bei ihnen studiert hatte.

Als Buxtehudes mšgliche direkte Lehrer wurden genannt: Scheidemann, Tunder, Weckman und Johan Lorentz. Zurzeit scheint Scheidemann von einigen favorisiert zu werden, aber Evidenz dafŸr gibt es eben nicht. Stattdessen werden zwei unbestreitbare Sachargumente mit zwei Vermutungen zusammengebracht.

ZunŠchst die beiden Sachargumente, von denen wir das erste bereits kennen: Reincken hat Mitte der 1650er Jahre bei Scheidemann studiert. Das andere ist Buxtehudes Freundschaft mit Reincken in den frŸhen 1670er Jahren. Heute wird dafŸr 1674 als spŠtestes Datum angenommen, und zwar aus dem Zusammenhang, wie er in dem GemŠlde einer "Musizierenden Gesellschaft in Hamburg" dokumentiert ist (Johannes Voorhout, 1674. Hamburg: Museum fŸr Hamburgische Geschichte). Reincken kann darauf durch Vergleich mit gesicherten Portraits identifiziert werden, und aus verschiedenen Details geht mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit hervor, dass Buxtehude einer der anderen Dargestellten sein kšnnte. Rechtzeitig zum Buxtehude-Gedenkjahr 2007 legte der Musikwissenschaftler Heinrich Schwab zu dieser Frage neue †berlegungen vor, die geeignet sind, unser Bild Buxtehudes buchstŠblich zu verŠndern. Seit mehr als 20 Jahren war man gewohnt, der Argumentation zu folgen, dass der abgebildete Lauschende mit einem Kanon Buxtehudes in der Hand um Buxtehude selbst sein solle. Schwabs Forschung spricht nun jedoch eher dafŸr, dass es sich bei dem Gambenspieler um Buxtehude handelt. Wenn auch die neuere Deutung plausibler zu sein scheint, als die vorige, so gelten auch hier nur Wahrscheinlichkeiten. FŸr die Diskussion der Freundschaft Reincken-Buxtehude spielt es aber nicht einmal eine besondere Rolle, ob Buxtehude Ÿberhaupt abgebildet ist, da in jedem Fall beide Musiker in dem lateinischen Text auf dem abgebildeten Notenblatt mit dem Kanon als ãBrŸderÒ genannt und geehrt werden.

Die zwei Vermutungen: Buxtehude und Reincken kšnnten sich bereits viel frŸher kennen gelernt und befreundet haben, woraus als weitere Vermutung hervorgeht, dass beide bei Scheidemann studiert haben kšnnten, und zwar etwa zur gleichen Zeit oder wenigstens zeitlich Ÿberlappend. Das Argument aus dieser erst viel spŠter belegten Freundschaft wird jedoch rŸckwirkend angewendet und erscheint wie ein Zirkelschluss. Nicht von der Hand zu weisen ist aber auch, dass Reincken und Buxtehude sich tatsŠchlich erst ab Buxtehudes Amtsantritt 1668 in LŸbeck dort oder in Hamburg begegnet sein mšgen. Das Entstehen einer Freundschaft ist schlie§lich nicht von gemeinsamen Studienjahren abhŠngig.

 

†ber die Wahrscheinlichkeit der meisten Vermutungen kann kaum je eine Aussage getroffen werden. PlŠdiert man jedoch fŸr die hšhere Wahrscheinlichkeit einer bestimmten ErklŠrung, liegt eine Gefahr darin, dass man nur noch diese Spur verfolgt und fŸr sie allein argumentiert. Die Argumentation aus der Wahrscheinlichkeit heraus fŸhrt aber vielfach dazu, dass der weniger wahrscheinliche Fall ganz aus der Diskussion entfŠllt. ãWeniger wahrscheinlichÒ ist kein Ausschlusskriterium: Auch wenn etwas wenig wahrscheinlich ist, kann doch gerade dieser Fall eingetreten sein.

 

Trotz manch erfreulicher Einzelentdeckung auch in den letzten Jahren bleibt die Buxtehude-Forschung zu einem erheblichen Teil durch das Fehlen wesentlicher Information gekennzeichnet. Die wenigen Anhaltspunkte gleichen einem Mosaik, von dem man nur noch wenige Steine hat. Oft und gerade an wichtigen Stellen ist aber weder die genaue Position der Steinchen, noch deren Lage zueinander mit annŠhernder Sicherheit festzustellen, vielleicht ist nicht einmal die genaue Grš§e, der Rahmen des Bildes, ersichtlich. Meint man aber ein schlŸssiges Bild rekonstruieren zu kšnnen, sollte ZurŸckhaltung dabei eine ebenso gro§e Rolle spielen, wie die stŠndige Bereitwilligkeit, selbst liebgewordene Vorstellungen neuen Funden und gesicherten neuen Erkenntnissen zu opfern.

 

 

Literatur

 

Heinrich Schwab: "Johannes Voorhouts GemŠlde 'HŠusliche Musikszene'. Zum Problem der Identifikation Dietrich Buxtehudes" In: Musikvidenskabelige Kompositioner. Festskrift til Niels Krabbe. Hrsg. v. Anne ¯rb¾k Jensen, John T. Lauridsen und Erland Kolding Nielsen. K¿benhavn, 2006: 55–73.

 

Kerala J. Snyder: Dieterich Buxtehude: Organist in LŸbeck. New York, 1987.

 

Kerala J. Snyder: Dieterich Buxtehude. Organist in LŸbeck. Rochester, NY (USA), 20072. (VollstŠndig Ÿberarbeitete und erweiterte Neuauflage. Ebenfalls erschienen als: Dieterich Buxtehude. Leben, Werk, AuffŸhrungspraxis. ins Deutsche Ÿbersetzt von Hans-Joachim Schulze. Kassel, 2007.

 



[1] Bibliographische Angaben in der LiteraturŸbersicht am Ende dieses Artikels. Soweit die Angaben nicht weiter belegt sind, sind sie der deutschen Ausgabe der Buxtehude-Monografie Kerala J. Snyders entnommen, die die Quellen sorgfŠltig wiedergibt.

[2] Im der umfangreichsten deutschen EnzyklopŠdie der Zeit wird nur die Information des ein Jahr zuvor erschienenen Waltherschen Lexikons wiedergegeben. Vgl. Artikel ÓBuxtehude, DietrichÓ in Johann Heinrich Zedler (Hrsg.): Grosses vollstŠndiges Universal-Lexicon, IV. Theil. Halle & Leipzig, 1733. Spalte 2049.

Die EnzyklopŠdie ist vollstŠndig und kostenlos im Internet abrufbar unter dem Link  http://www.zedler-lexikon.de.

[3] Ulf Grapenthin: ÓReincken, Johann AdamÓ. Grove Music Online. Hrsg. L. Macy (abgerufen am [14.11.2007]), http://www.grovemusic.com.